"... und ich möchte

leben bis zuletzt!"

Dat erste Mal

Im Gemeinschaftsraum beginnt die Adventsfeier und die Schwestern bitten mich bei Frau E. Sitzwache zu halten. Sie ist sehr unruhig und vor kurzem aus dem Bett gefallen beim Versuch aufzustehen, was sie nicht mehr kann. Frau E's Bett ist jetzt ganz niedrig eingestellt, mit einer großen dicken Matte davor, und vielen Kissen, so dass sie nicht fallen kann. Froh und dankbar bin ich, dass auf diese sanfte und respektvolle Weise sichergestellt wird,  dass sie sich nicht verletzt - ohne ihre Freiheit einzuschränken.

Frau E. stöhnt und ist unruhig. Sie ist in ihrer eigenen Wirklichkeit und bittet mich wieder und wieder ihr zu helfen: Sie müsse aufstehen, sie müsse in die Arztpraxis, sie müsse zur Apotheke, sie müsse dahin, sie müsse doch dahin und wisse nicht wie....

Ich erinnere mich an Albträume in denen ich unbedingt irgendwo hin muss ohne zu wissen wie - große Not! Schließlich sage ich zu ihr: "Frau E., sie werden gebracht!" Frau E. beginnt kurz darauf wieder zu fragen wie sie dahin komme und dann: "ach ja, isch werd jebracht!" in ihrem bönnschen Dialekt und wird ruhig. Kurz darauf, noch immer in ihrer Welt, stöhnt Frau E. laut, seufzt und klagt, sie hält meine Hand ganz fest, für lange Zeit. Dann wird sie ruhiger, öffnet die Augen, schaut mich an und sagt: "Sie müssen entschuldijen, dat ist für misch dat erste Mal..."

Ich bin gerührt und denke- ja Frau E., wenn meine Zeit des Sterbens gekommen ist, dann ist es auch für mich dat erste Mal.

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